Der Roman »Die Nacht des Orakels« von Paul Auster wurde 2003 zunächst auf Englisch veröffentlicht, ein Jahr später dann auf Deutsch. Der großartige Übersetzer der deutschen Ausgabe heißt Werner Schmitz. Die Bewertung großartig bezieht sich – meine Englischkenntnisse ließen das gar nicht zu – nicht darauf, ob der Übersetzer eine dem Original adäquate Übersetzung geschaffen hat. Das aber, was er auf Deutsch zu Papier gebracht hat, ist großartig. Worum geht es?
Ein Orakel ist ein Götterspruch, der mir durch ein besonderes Medium zuteil wird. Zum berühmten Orakel von Delphi pilgerten die größten Philosophen, um ihr Schicksal und die grundlegenden Fragen zu klären. In Deutschland gab es 2010 eine Krake namens Paul, die womöglich zumindest in Fußballfragen in die Zukunft schauen konnte, und schließlich wird es noch immer genug Wahrsager geben, die mittels Handlinien oder Glaskugeln in ferne Dimensionen zu schauen versprechen.
In Austers Roman geht es nicht, wie der Titel nahelegen würde, um eine Nacht, in der ein, ja das Orakel spricht. Vielmehr erzählt der Autor rückblickend eine Geschichte, die sich über eine unbestimmte Zeit zuträgt, die aber in sich verdichtet ist und so wie eine Nacht erscheint. Was ist das Medium, das einen Blick in die Zukunft ermöglicht? Es ist, so möchte ich meinen, das geschriebene Wort. Und so ist das Zentrum des Romanes ein imaginärer Roman mit dem Titel »Nacht des Orakels«.
Die sich um dieses Medium gruppierenden Personen sind zwei Schriftsteller – Sidney Orr und John Trause – zwischen denen eine Frau, Grace, steht. Orr ist erst 34 Jahre alt und durch eine Krankheit gezeichnet, von der der Leser nichts Genaues erfährt. Nur so viel: Orr hatte einen Zusammenbruch und muss nun sein Leben wieder neu aufbauen. Er leidet unter Schwindel und Halluzinationen, vor allem aber unter einer massiven Schreibblockade. Liebevoll wird er von seiner Frau Grace betreut. Aber hinter oder über dieser Beziehung steht, das wird bald klar, ein Schatten.
Dann gibt es den Freund des Ehepaars, John Trause, ebenfalls ein berühmter Schriftsteller, 56 Jahre alt, seinerseits von einer Krankheit heimgesucht. Biografische Rückblicke werden vom Autor in Fußnoten gesteckt.
Der Leser lernt Sidney Orr kennen, als er auf einem seiner mühsamen Spaziergänge auf einen Schreibwarenladen trifft, in dem er nicht nur ein besonderes blaues Notizbuch findet, sondern auch den Besitzer, einen Chinesen, kennenlernt, der in einer unerklärlichen Beziehung zu dem Schriftsteller zu stehen scheint. Die Handlungsebenen sind so fließend wie der Bewusstseinszustand des kranken Sidney Orr. Das blaue Notizbuch hat so etwas wie eine magische Wirkung auf Sidney.
Er setzt sich, zu Hause angekommen, daran und versucht sich an einer Schreibübung. Er erinnert sich an ein Gespräch mit dem Freund der Familie, John Trause, in dem es um einen Roman ging und darin um eine Episode, die, so Trause, Stoff für einen ganzen Roman berge. In dieser Szene entrinnt ein Mann nur knapp dem Tod und ist so konsterniert, dass er unvermittelt aus seinem bisherigen Lebensumfeld verschwindet. Nun sitzt Sidney Orr vor seinem blauen Notizbuch – das gleiche wird er mysteriöserweise später bei seinem Freund Trause finden – und schreibt und schreibt und schreibt.
Die Worte fließen ihm aus der Feder. Die Figuren, ein verheirateter Verlagslektor und seine Frau, erhalten die Züge der Menschen aus seinem Umfeld. Nick Bowen, die Hauptperson dieser Romanskizze, bekommt einen verschollenen Roman mit dem Titel »Nacht des Orakels« auf den Tisch. Eine junge Frau, in die er sich auf für ihn unerklärliche Weise beim ersten Sehen verliebt, bringt das Manuskript aus dem Familiennachlass mit und bittet Bowen um Prüfung. Der nun liest sich in diesen Roman ein und wird auf einem Spaziergang durch einen Zufall fast von einem herabfallenden Ziegel erschlagen.
Hier nimmt Orr das Motiv der mit seinem Freund Trause besprochenen Episode auf und lässt seinen Romanhelden verschwinden. Dessen Schicksal wird nun in das blaue Buch notiert und scheint gleichzeitig, als Orakel, jenes Schicksal zu sein, das Orr, Trause und Grace zuteil werden wird. Später werden sich die beiden Schriftstellerkollegen darüber streiten, ob Worte, die man zu Papier bringt, die Zukunft bestimmen können. Orr, eigentlich ein Rationalist, lehnt das entschieden ab, wird aber im Verlauf des Buches immer unsicherer. Die Handlungsstränge der verschiedenen Geschichten und Romanfragmente, die immer wieder eine Rolle spielen, verknoten sich ineinander, und Leser wie Protagonist Orr wissen irgendwann nicht mehr, was Realität ist und was Traum. Ist Trause der Schatten, der zwischen oder über der Beziehung mit Grace steht? Ist der chinesische Papierwarenhändler ein Mephisto, der Sidney auf Abwege führt? Am Ende gibt es eine Auflösung und trotzdem offene Fragen.
Trotz der vielen Ebenen, und das wäre schon eine Bewertung des Romans, verliert sich der Leser nicht. Auch durch die Fußnoten wird die Gemengelage der Traumsequenzen immer wieder geordnet. Es werden viele Geschichten erzählt, und manchmal kam es mir vor, als blickte ich beim Lesen in ein Kaleidoskop. Denn am Ende fügt sich alles zu einem großen und schönen, wenn auch verwirrenden Gesamtbild zusammen. Am Ende ist das Buch eine Metapher auf das Leben.
Nichts ist sicher, alles fragil, und man weiß nie, ob es Schicksal oder Zufall ist, was die Dinge zusammenschweißt und zerbrechen lässt oder welchen Anteil die handelnden Personen an ihrem Schicksal haben. Sind sie getrieben oder selbst die Treiber? Aber auch wenn im Roman kein ausdrückliches Happy End ausgesprochen ist, so endet er doch, für mich jedenfalls, mit Zuversicht. Nach einer langen Nacht des Protagonisten Orr, vielen Tränen und Angst um seine Liebe, schimmert doch Glück aus allem: »Und dieses Glücksgefühl war jenseits von Trost, jenseits von Elend, jenseits alles Hässlichen und Schönen auf der Welt.«
Sidney zieht sich frische Sachen an und macht sich auf den Weg zu Grace.