Oktobertag

Ich gehe die Straße entlang. Meine Schritte sind nicht leicht, aber auch nicht schwer, fühle ich. Die Sonne blinzelt zwischen zwei Häuserdächern auf mich herunter, die von den späten Farben des Herbstes umrahmt werden. Die Farben der schlank aus dem Asphaltgrau aufgewachsenen Bäumen, die in ihrer Farbenpracht noch gar nicht müde zu sein scheinen, sind so schön. Sie sind nicht müde, wie ich, der mit fast federnden Schritten die Straße entlang geht. Wer ist das, dieses Ich, das einen Namen trägt wie einen Hut, eine Jacke oder eine Hose. Ich trage die Hose und die Jacke mit mir und die Schuld; die Schuld und die Lügen, die die milde Oktobersonne wärmen. Ich bin der Tröster und Vater, Gefährte und Verräter, Ritter, Verzweifelter und Liebender. Nur die Sonne ist die Sonne und die Bäume sind die Bäume.

Nicht die Häuser, die über mir aufragen. Sie sind wie die Menschen, die in ihnen ihre kurze Spur der Zeit hinterlassen, kommen und gehen und die Mauern zurücklassen, die wie die Ringe des Baumes, unsichtbar nur, immer dicker und dicker werden mit ihren Erinnerungen. Ich bin 57 oder 100 oder Äonen. Ich bin Kind und Greis, einsam und beschenkt. Ein Entsetzen packt mich. Ich bin wie der Oktober, durch den ich noch gehen darf. Einsam zwar, aber verwöhnt durch das Leben. Unverdient oder verdient, wer weiß das schon. Ich bin wie der Oktober, der im Augenblick dieser verschwenderischen Farbenpracht lebt. Ein Oktober, der nichts vom klammen Grau seines folgenden Bruders, dem November, wissen will.

Denn jetzt leuchten diese Farben so unendlich sanft und warm und fließen über meine Augen in mein Herz, das schlägt. Jetzt lebe ich. Ich höre meine Schritte. Die Schritte eines Freundes und Gefährten. Die Schritte eines Fremden. Regelmäßig im Takt wie das Herz mit all den Farben angefüllt und den Hoffnungen und Träumen. 57 Mal wurde mir das geschenkt und keine 57 Mal werde ich das erleben. Ich bin verwundert. Über mich, mein Leben, über das, was meinen Namen und eine Jacke trägt und über das, was in meinem Namen geschehen ist. Warum ist die Wärme der Sonne gerade jetzt so ein großes Geschenk? Mehr noch als im heißen flirrenden August, in dem ich fliehe vor ihrer Wucht und Kraft.

Ich gehe und gehe und gehe – diese Straße entlang und suche mein Haus, meine Heimat, in die ich fliehen kann, wenn die dürren Finger des Winters nach mir greifen und mich packen werden. Wenn die Rechnung gemacht wird, stehe ich allein und bin nur ich. Mit den Gedanken an diese Minuten des Glücks werde ich geduldig auf das Urteil warten. Und ich hoffe, dass mir das Schicksal der Bäume zuteil wird, die sich im Himmelsblau verlieren und aus deren morschen Stümpfen einmal neues Grün wachsen wird. Und wenn ich auch alles, was ich getragen habe, abgeben muss und ganz nackt bin, dann hoffe ich. Ja, was hoffe ich? Auf eine Hand, die mich tröstet, ein Blick, ein Wort? Ich bleibe einen Augenblick stehen. Mein Blick wandert, die Fassade entlang über die Blätter der Bäume hinauf bis zur Sonne. Und ich habe keine Angst.

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